Moskau und Minsk brüskieren Nato mit Großmanöver

Nach der Ukraine, deren Revolution 2014 nach russischer Sicht vom Westen angefacht wurde, wollen Aufrührer in diesem Planspiel nun auch das Regime in Minsk zu Fall bringen. Sieben Tage lang halten Streitkräfte beider Länder ein Manöver der Superlative ab.

Auf die Vorwürfe des Westens, die russische Seite sei nicht transparent genug, reagierte der Kreml unwirsch.

Panzer rollen über Feldwege, Kampfflugzeuge steigen in den Himmel auf, Raketenwerfer werden justiert.

Russland und Weißrussland haben gestern mit einem Großmanöver an der Ostflanke der EU begonnen. Die Fantasiefeinde Wejschnoria, Wesbaria und Lubenia greifen an, zu Luft, zu Land, zu Wasser. Dort sollen sie für den Ernstfall trainieren - das Herbstmanöver selbst habe jedoch einen "rein defensiven Charakter", heißt es aus dem russischen Verteidigungsministerium.

Jedes Jahr wird in einem anderen Militärbezirk ein derartiges Szenario geübt, das jeweils nach der Region benannt wird. Die mehrtägige Übung findet laut russischer Regierung mit knapp 13.000 Soldaten auf weißrussischem Gebiet statt.

Das diesjährige Manöver wird nach Angaben Moskaus an sechs Übungsplätzen in Weißrussland stattfinden. Im Einsatz stehehen Panzer, Geschütze und Kriegsschiffe. Auch Roderich Kiesewetter glaubt nicht an eine unmittelbare Bedrohung: "Wir sollten auch die Wirkung dieser Übung auf die russische Gesellschaft sehen, quasi dass Russland auf Augenhöhe mit "Nato"-Staaten wahrgenommen werden will, so der CDU-Politiker". Aber Russland und Weißrussland wehren sich - mit 12.700 Soldaten, davon 10.200 auf weißrussischem Territorium, mit 250 Panzern, 200 gepanzerten Fahrzeugen, 150 Artilleriegeschützen und Mehrfachraketensystemen, mit zehn Schiffen der Baltischen Flotte, 70 Flugzeugen und Hubschraubern. Sie fürchten, dass Russland unter dem Deckmantel des Manövers dauerhaft Soldaten an den Grenzen stationiert.

Die Nato-Staaten und die Ukrainer befürchten, dass Russland in Wahrheit viel mehr Soldaten schickt.

Nicht besonders: Zumindest darin sind sich Anrainerstaaten, die EU, NATO und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einig.

Soldaten der beiden Armeen marschierten nahe der Grenze zu den NATO-Staaten Polen, Litauen, Lettland und Estland auf, wo die einwöchige Militärübung mit Sorge verfolgt wird. "Die 12'700 angekündigten Soldaten für strategische Manöver sind aber lächerlich".

Im Vorfeld des Militärmanövers sagte Litauens Außenminister, man müsse wachsam und vorbereitet sein.

Der Vizepräsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), bezeichnete das "sicherheitspolitische Versteckspiel" Russlands als "gefährlich". Die Beziehungen zu Russland sind seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

"Nachbarstaaten sowie am Abbau von Spannungen", teilte er mit.

Doch abseits der militärischen Planspiele versuchen andere Nato-Staaten, wie beispielsweise Deutschland, auch wieder den Sicherheitsdialog mit Russland zu suchen. Weißrussland hat eine größere Gruppe von westlichen Militärbeobachtern und Journalisten eingeladen, macht eigene Briefings - um nicht nur als Anhängsel Russlands zu gelten, wie der weißrussische Sicherheitsexperte Andrei Paratnikau dem SPIEGEL sagt (Lesen Sie hier ein Interview). Zur Solidarität des Bündnisses leiste auch die Bundeswehr mit einem Bataillon in Litauen ihren Beitrag.

Doch wie wenig die NATO-Mitgliedschaft und einige amerikanische Abfangjäger im Zweifelsfall wert wären, haben westliche Militärs vor gut einem Jahr in einer Untersuchung der US-Denkfabrik RAND eingeräumt.


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