Hinter Packpapier verborgene Texte von Anne Frank wurden entziffert

Die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam hat mit Hilfe digitaler Fototechnik zwei bisher unlesbare, wohl von Anne Frank selbst mit Packpapier verklebte Seiten ihres Tagebuchs entziffert.

Einer davon lautet beispielsweise: "Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind?"

Erstmals werden die verklebten Seiten aus dem Tagebuch lesbar.

Peter de Bruin, Wissenschafter des Huygens-Institut für niederländische Geschichte, sagt, solche Zoten seien "Kriegsklassiker" gewesen. Das teilt die Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung mit. Aber sie schrieb auch über Sexualität und Prostitution.

Inhaltlich ergebe sich nicht wirklich etwas Neues, Anne sei eben ein 13-jähriges Mädchen in der Pubertät gewesen. "Die nun entzifferten Zeilen zeigen sie nicht nur als gewöhnliches pubertierendes Mädchen, sondern auch als angehende Schriftstellerin", sagt Céline Wendelgaß von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank. Über Sexualität schreibt Anne Frank schließlich auch an anderer Stelle.

Schon damals hätte sie vorgehabt, einen Roman mit dem Titel "Das Hinterhaus" zu schreiben, so die Forscher. Dabei klebte sie die Seiten 78 und 79 vermutlich selbst zu.

Dem Mädchen müsse klar gewesen sein, dass jemand das Tagebuch entdecken und lesen könnte.

Waren diese Passagen dem jungen Mädchen peinlich? Zugleich beleuchten sie den schrillen Kontrast zu der großen Bedrohung im Hinterhaus an der Prinsengracht und machen den unmenschlichen Terror bis heute fühlbar. Am 4. August 1944 wurde die Familie verhaftet und wenig später deportiert. Sie starb im Alter von 69 Jahren in ihrem Zuhause in Montana, wie ein Bestattungsunternehmen in der Stadt Livingston mitteilte. Nur Vater Otto Frank überlebte. Hunderte von Seiten umfasste das Tagebuch, das nach dem Krieg vom einzigen Überlebenden der Familie, Anne Franks Vater Otto, veröffentlicht wurde.

Die Anne Frank Stiftung habe lange gezweifelt, ob sie die überklebten Passagen überhaupt veröffentlichen sollte. "Anne Frank ist weltweit eine Ikone geworden", sagt Leopold. Doch im alten rotkarierten Büchlein bleiben die Seiten 78 und 79 verklebt mit dem dicken braunen Packpapier - genauso wie Anne es selbst wollte. "Ihr Tagebuch gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Wir fanden, dass alle Texte dokumentiert werden mussten".

In der neuen für 2019 geplanten wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebücher sollen die Passagen mit aufgenommen werden.


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