"Die Frau, die vorausgeht": Chastain malt Sitting Bull

Michael Greyeyes spielt seinen Sitting Bull gleichermaßen melancholisch und sexy: Entspannt legt er (fast) seine gesamte Bekleidung ab und beeindruckt die verlegene Malerin mit vier Kugeln in seinem vernarbten Körper. Während ersterer mit einer guten Portion Lakonie der mörderischen Vergangenheit direkt ins Gesicht blickt, führt White in "Die Frau, die vorausgeht" vor der cinegenen Kulisse des Wilden Westens patriarchale und rassistische Machtmechanismen vor. In den Westen aufgemacht hat sie sich im Bewusstsein, gegen ihre eigene Bedeutungslosigkeit als Ehefrau und Tochter in einer Gesellschaft ankämpfen zu müssen, in der ausnahmslos Männer das Sagen haben. Auch der britischen Regisseurin Susanna White geht es jetzt in "Die Frau, die vorausgeht" letztlich um die massenhaften Verbrechen an den Indianern. Jessica Chastain unterstreicht das als Hauptdarstellerin mit der mädchenhaften Anmutung einer jungen Frau, die bislang ein offensichtlich behütetes und unbesorgtes Leben geführt hat. Der General Crook (Bill Camp) mit seinen heranrückenden Truppen der US-Armee hat dem Häuptling die Niederlage in der Schlacht am Little Big Horn 14 Jahre zuvor nicht verziehen. Für das Geld besorgt er zusammen mit Weldon in der nahegelegenen Kleinstadt Nahrungsmittel, um die zu geringen Indianer-Rationen der amerikanischen Regierung auszugleichen. Davon lässt sie sich auch nicht abbringen, als sie verprügelt wird. Mit allen Mitteln versucht er, die unbequeme Frau wieder loszuwerden. Am Ende hält sie das Porträt von Sitting Bull in den Händen. Reichlich pathetisch und wie ein Kalenderspruch wirkt es dann auch, wenn Sitting Bull der Malerin rät, "mehr zu leben".

Während der entmachtete Häuptling und die Malerin, die den gesellschaftlichen Zwängen ihres New Yorker Witwendaseins entflohen ist, sich annähern, halbiert Groves die Nahrungszuteilungen, um Druck auf die Reservatsbewohner auszuüben.

Die Geschichte hätte alle Zutaten für ein packendes Drama gehabt, aber der Film will vielleicht zu viel: eine Frau, die nach Unabhängigkeit strebt; die grausamen Kämpfe zwischen Indianern und Siedlern; der Widerstand der Indianer. "Gleichzeitig kontrastiert sie deren Zweisamkeit mit atemberaubend schönen Landschaftsaufnahmen, in deren weiten Flächen es trotzdem keinen Platz für sie beide geben wird".

Am Ende werden Texttafeln zu dem Massaker am Wounded Knee einblendet. Zudem wird erwähnt, dass Weldons Porträt von Sitting Bull in Bismarck in North Dakota hängt und sie eine Verfechterin der Rechte der Ureinwohner blieb. Ähnlich wie zuletzt etwa in "Hostiles" ist also auch in "Die Frau, die vorausgeht" eine weiße Figur Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, was den Film bedauerlicherweise immer wieder in die Nähe von klischeebehafteten Erzählungen rückt, in denen es stets einen weißen Helden braucht, der die Minderheit "rettet".


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