"Die Frau, die vorausgeht": Schön gemalter Western

"Stuttgart - Sie sehen aus wie jemand mit guten Absichten", sagt Colonel Silas Groves (Sam Rockwell) im Zug zu der allein reisenden Dame, und das ist nicht als Kompliment gemeint.

Der akklamierte Drehbuchautor und Regisseur Steven Knight ("Eastern Promises", "Locke") fiktionalisierte die Lebensgeschichte der Malerin und Polit-Aktivistin Caroline Weldon, die das Vorbild für die im Film verjüngte und sentimentalisierte Catherine abgibt; und die britische TV-Regisseurin Susanna White verklärte die Begegnung zwischen Weldon und Sitting Bull zu einer etwas unentschlossenen Romanze zwischen der weißen Frau und dem gedemütigten Stammeshäuptling. Eigentlich will sie nur den Häuptling Sitting Bull malen, doch letztendlich bleibt sie, um zu helfen.

Jessica Chastain spielt in "Die Frau, die vorausgeht" die New Yorker Society-Lady Catherine Weldon. Obwohl man ihr wenig höflich zu verstehen gibt, dass eine "Indianer-Versteherin" wie sie in den Reservaten, wo es von Unruhen gärt, nichts zu suchen hat, lässt sie sich in einer Mischung aus Unwissenheit und Eigensinn nicht abweisen. "Ich habe viele Flüsse überquert" lässt sie den Häuptling in Indianersprache zur Begrüßung wissen. Der berüchtigte Krieger und Medizinmann ist mittlerweile Kartoffelbauer, spricht astreines Englisch und scheint sich widerwillig mit dem Reservatsdasein abgefunden zu haben. Die heranrückenden Truppen der US-Armee unter Führung von General Crook (Bill Camp) haben dem Häuptling die Niederlage in der Schlacht am Little Big Horn vor vierzehn Jahren bis heute nicht verziehen. Und Weldon hieß Caroline, nicht Catherine. Nach "Hostiles - Feinde" ist dies nun schon der zweite Western in dieser Kinosaison, der den Pioniermythos des Genres gründlich auseinanderpflückt. Während ersterer mit einer guten Portion Lakonie der mörderischen Vergangenheit direkt ins Gesicht blickt, führt White in "Die Frau, die vorausgeht" vor der cinegenen Kulisse des Wilden Westens patriarchale und rassistische Machtmechanismen vor.

Schauspielern Jessica Chastain ist übrigens eine der wichtigsten Frauen in Hollywood. Sie hat sich mehrfach bewährt in Rollen von Frauen, die sich in männerdominierten Welten nicht unterkriegen lassen, ob als CIA-Agentin in "Zero Dark Thirty" (2012), als knallharte Lobbyistin in "Die Erfindung der Wahrheit" (2016) oder zuletzt als Pokerqueen in "Molly's Game" (2017). In Zeiten, in denen der weiße Mann im Weißen Haus eine Cowboymentalität alter Schule zur Schau stellt, sind solche Filme Gold wert.


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